Die gefährlichste Art, ein Altsystem abzulösen, ist die naheliegendste: monatelang im Stillen ein neues System bauen, und an einem Stichtag alles auf einmal umstellen. Big Bang nennt man das. Es klingt sauber und ist in der Praxis ein Glücksspiel, bei dem der Einsatz der laufende Betrieb ist.
Es geht anders. Das Strangler-Fig-Pattern löst ein System Stück für Stück ab, während es weiterläuft. Kein Stichtag, an dem alles gut gehen muss. Wir arbeiten standardmäßig so – und hier ist, warum.
Woher der Name kommt
Den Begriff hat Martin Fowler geprägt, inspiriert von der Würgefeige. Diese Pflanze wächst an einem Wirtsbaum empor, umschließt ihn nach und nach und übernimmt am Ende seinen Platz – der alte Baum verschwindet, ohne dass der Wald je eine Lücke hatte. Genau das ist die Idee bei Software: Das neue System wächst um das alte herum, übernimmt eine Funktion nach der anderen, bis vom Alten nichts mehr übrig ist und niemand einen Ausfall bemerkt hat.
Wie es konkret funktioniert
Statt das ganze System auf einmal zu ersetzen, schiebt man eine Art Weiche vor die Anwendung. Jede Anfrage läuft zunächst weiter ins alte System. Dann beginnt man, einzelne Funktionen im neuen System nachzubauen – die erste, kleinste, am wenigsten riskante zuerst. Sobald sie fertig und abgenommen ist, leitet die Weiche genau diese Anfragen ins neue System. Alle anderen laufen weiter wie bisher.
Funktion für Funktion verschiebt sich so der Verkehr vom alten zum neuen System. Beide laufen die ganze Zeit parallel. Irgendwann landet die letzte Anfrage im Neuen, und das alte System kann abgeschaltet werden – als reine Formalität, nicht als Sprung ins Ungewisse.
Warum das fast immer der bessere Weg ist
Das Risiko wird klein und früh. Wenn bei einer einzelnen migrierten Funktion etwas nicht stimmt, betrifft das eine Funktion – nicht das ganze System, und nicht am schlimmsten denkbaren Tag. Fehler zeigen sich in überschaubarer Größe und lassen sich beheben, bevor die nächste Funktion folgt.
Der Betrieb läuft durchgehend. Es gibt kein Wartungsfenster, in dem nichts geht. Gerade für Unternehmen, die rund um die Uhr arbeiten – Logistik, Handel in der Hochsaison, Produktion –, ist das oft der einzige vertretbare Weg.
Die Kosten werden planbar. Man zahlt in Etappen und sieht nach jeder Etappe ein abgenommenes Ergebnis. Das Projekt lässt sich jederzeit anhalten, ohne dass etwas Halbfertiges in der Luft hängt.
Man kann zwischendurch lernen. Die erste migrierte Funktion liefert Erkenntnisse über das Altsystem, die die nächsten Schritte besser machen. Beim Big Bang sammelt man dieses Wissen erst am Stichtag – zu spät.
Wo der Ansatz Aufmerksamkeit braucht
Ehrlich bleiben gehört dazu: Das Strangler-Fig-Pattern ist kein Selbstläufer. Während der Übergangszeit existieren altes und neues System nebeneinander, oft auf denselben Daten. Das verlangt Sorgfalt – etwa dafür, dass beide Seiten dieselben Datenbestände konsistent sehen. Diese Zwischenphase will gut geplant sein. Der Aufwand dafür ist real, aber er ist kleiner als das Risiko, das ein Big Bang in einem Schritt eingeht.
So setzen wir es ein
Jede Migration, die wir machen, folgt diesem Grundgedanken: schrittweise statt auf einen Schlag, mit fachlicher Abnahme an jedem Schritt und einem alten System, das produktiv bleibt, bis das neue jede Funktion nachweislich trägt. Welche Funktion zuerst migriert wird und wie die Reihenfolge aussieht, ergibt sich aus der Analyse Ihres Systems.
Einen Überblick über unser Vorgehen gibt die Leistungsübersicht. Den konkreten Plan für Ihr System liefert das Code-Assessment.
Häufige Fragen
Dauert die schrittweise Migration nicht länger als ein Big Bang? In der reinen Bauzeit manchmal etwas. Im Gesamtbild ist sie schneller am Ziel, weil sie nicht an einem gescheiterten Stichtag und tagelangem Stillstand hängenbleibt.
Müssen während der Übergangszeit zwei Systeme gepflegt werden? Für eine begrenzte Zeit ja. Dieser Aufwand ist eingeplant und deutlich kleiner als das Ausfallrisiko eines Big Bang.
Funktioniert das bei jedem Altsystem? Bei den allermeisten. Wie gut sich ein System zerlegen lässt, klären wir in der Analyse – manche hängen an einem Klotz, die meisten lassen sich sinnvoll aufteilen.
Quelle
- Martin Fowler – „StranglerFigApplication“: https://martinfowler.com/bliki/StranglerFigApplication.html
Dieser Beitrag ist ein allgemeiner Ratgeber.
